Seelsorge

Für persönliche Gespräche stehe ich nach Terminabsprache für Sie zur Verfügung. Eine wichtige Erfahrung in meiner Seelsorgepraxis war es, die Beichte als einen wertvollen Schatz unserer Tradition wiederzuentdecken, der es uns ermöglicht schwere Schulderfahrungen in guter und nicht verdrängender Weise zu bearbeiten.

Pfarrer Jörg Machel
Tel. 616 932 - 15

 

Zeitzeichen / Beichtpraxis / Pfr. Jörg Machel

Ich muss dich mal als Pfarrer sprechen. Eine alte Freundin, eher kirchenfern, erstaunte mich mit dieser ungewöhnlich formell geäußerten Bitte. Auf meinen fragenden Blick hin ergänzte sie: Ich möchte mit dir als Pfarrer einmal über meine Abtreibung reden. Und noch einmal dieser ausdrückliche Hinweis auf meine Profession. Ich erinnerte mich der tragischen Umstände dieser Abtreibung. Sie lag schon länger zurück und hatte damals den ganzen Freundeskreis beschäftigt. Ich war während dieser Zeit für ein Jahr im Ausland und nahm nur am Rande Notiz davon. Wir hatten tatsächlich nie darüber gesprochen und so vermutete ich, es ginge ihr nun um die Klärung theologischer Fragen. Wir hatten dann eine lange Unterhaltung, Vieles kam zur Sprache, zu einem wirklichen Ende kamen wir nicht. Ob es das jetzt war, was ich von dir wollte, weiss ich nicht. Es passierte mir noch ein zweites und ein drittes Mal, dass mich Frauen aus dem weiteren Bekanntenkreis in genau der gleichen Angelegenheit ansprachen. Sie wollten mit mir als Pfarrer über eine Abtreibung reden. Am Schluss wurde mir zwar für das einfühlsame Gespräch gedankt, aber ich bekam doch zu verstehen, dass es eine furchtbare Last bliebe, mit dieser Abtreibung leben zu müssen. Erst spät kam ich auf die Idee, dass es bei dem Anliegen, mich als Pfarrer sprechen zu wollen, vielleicht gar nicht so sehr um den Wunsch nach einem Expertengespräch ging, sondern um ein Beichtersuchen. Die Trostworte, nach denen ich anfangs gesucht hatte waren wirkungslos, weil sie die Schuld in der Wahrnehmung dieser Frauen klein redeten und so über ihr tiefes Empfinden hinwegsprachen. Nicht um die Abtreibungsgeschichte zu bearbeiten waren sie zu mir gekommen, sie wollten die Schuld los werden, nicht der Theologe und Seelsorger war gefragt, sondern der Pfarrer und Liturg.

Vor gut fünfzehn Jahren begann ich dann, mich intensiver mit der Beichte zu beschäftigen und stellte fest, dass sie in der evangelischen Seelsorgeliteratur der siebziger und achtziger Jahre kaum eine Rolle spielte. Nach langem Fremdeln hatte man die Humanwisschenschaften als Ratgeber einer therapeutisch fundierten Seelsorge entdeckt und stand dem Anliegen der Beichte nun besonders skeptisch gegenüber. Die Schuldfrage wurde in der Seelsorge nun bewußt ausgeklammert. In meiner Vikariatszeit Anfang der achtziger Jahre gab es viele Übungseinheiten zur Technik des Spiegelns im Beratungsgespräch, die Einzelbeichte wurde nicht unterrichtet.

Parallel zu meiner Wiederentdeckung der Beichte aus der pastoralen Not heraus stieß ich bei den Humanwissenschaftlern auf Praktiken, die mich ebenfalls an die Beichte denken ließen. Therapeuten beschrieben, wie sie ihren Klienten am Ende eines therapeutischen Prozesses Abschlussrituale anboten, um gewissermaßen einen Schlusspunkt unter den langen Weg einer Therapie zu setzen.

Wie sehr sich das Misstrauen zwischen Psychologen und Theologen gegenüber den Bemühungen der anderen Zunft in Interesse gewandelt hatte, fand ich in einer Passage des Romans Die rote Couch München 1998, Seite 167, von Irvin D. Yalom bestätigt: Was konnte er für Carolyn tun? fragte er sich. War das hier überhaupt ein psychiatrisches Problem? Vielleicht war sie lediglich ein unschuldiges Opfer, das zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war. In einem früheren Zeitalter hätte sie zweifellos ihren Priester um Rat gefragt. Und vielleicht war priesterlicher Trost genau das, was er ihr anbieten sollte. Aus der zweitausendjährigen therapeutischen Arbeit der Kirche ließ sich gewiß etwas lernen. Ernest hatte sich stets für die Ausbildung der Priester interessiert. Wie gut waren sie wirklich, wenn es darum ging, Trost zu spenden? Wo erlernten sie ihre Technik? Seine Neugier hatte Ernest einmal dazu veranlaßt, in der Bibliothek nach Literatur über katholische Beichtstuhlberatung zu suchen. Er hatte nichts gefunden. Ein andermal hatte er in einem lokalen Priesterseminar nachgefragt und erfahren, dass der Lehrplan keine explizite psychologische Ausbildung vorsah. Einmal, bei einem Besuch in einer verlassenen Kathedrale in Shanghai, stahl Ernest sich in den Beichtstuhl, wo er dreißig Minuten lang auf dem Platz des Priesters saß, die katholische Luft einatmete und wieder und wieder murmelte: ´Dir wird vergeben. Mein Kind, dir wird vergeben!´ Voller Neid war er dann aus dem Beichtstuhl getreten. Welch machtvolle göttliche Waffen gegen die Verzweiflung den Priestern zu Gebote standen; im Gegensatz dazu erschien ihm sein eigenes weltliches Rüstzeug der Deutungen und kreatürlichen Tröstungen wahrhaft armselig.

Was Yalom beschreibt, kann ich durchaus bestätigen. Auch für mich als Pfarrer war es nicht leicht, mich in der Praxis der Beichtens unterrichten zu lassen. In der Evangelischen Kirche habe ich an einige Türen geklopft und bekam doch immer nur Zettel mit neuen Adressen in die Hand gedrückt. So habe ich mich schließlich der Kongressbekanntschaft mit dem Abt eines altehrwürdigen Klosters erinnert, um mich von ihm in der Praxis der Beichte unterrichten zu lassen. Vor allen Gesprächen über die Praxis und den Grund der Beichte aber habe ich bei ihm gebeichtet. Ich habe mich befangen gefühlt und bedrängt, dann aber auch befreit. Mit dem Einstieg in diese Art der Beichtpraxis kam die Notwendigkeit der Abgrenzung zwischen Seelsorgegespräch und Beichte. Sie ist hilfreich und bleibt doch immer auch unzureichend. So wichtig es ist, das offene Seelsorgegespräch vom Beichtritus zu unterscheiden, so unzureichend ist die starre Kategorisierung in der konkreten Situation.

Meine erste Erfahrung mit der Beichte reicht bis in die Anfangsphase meines Vikariats in der DDR zurück. Regelmäßig musste ich mit dem Zug zwischen Berlin und Magdeburg pendeln und einige Male ergab es sich, dass ich mit Funktionären ins Gespräch kam, die allein auf die Tatsache hin, dass ich mich ihnen als zukünftiger Pfarrer vorstellte, mit einer Art Lebensbeichte reagierten. Offensichtlich waren sie trotz allgemeiner Entkirchlichung der Gesellschaft mit der Unverbrüchlichkeit des Beichtgeheimnisses vertraut. Eine Beichte im liturgischen Sinne lag ganz sicher nicht vor, ein Beichtgespräch aber, für das die absolute Verschwiegenheitspflicht gilt, war es durchaus.

Durch das beschriebene Scheitern in meinen Seelsorgegesprächen war es dennoch wichtig für mich, mir die Beichte in einem engen Verständnis als Bußritual zu erschließen. So wichtig das Gespräch ist, um pastoralen Beistand zu geben, Zusammenhänge aufzuspüren und Schuld zu klären, so hilfreich kann es sein, die Ebene des Gesprächs zu gegebener Zeit zu verlassen und den rituellen Rahmen der Beichte zu suchen.

Es ist noch immer so, dass der Schwangerschaftsabbruch in meiner pastoralen Praxis der häufigste Grund für ein Beichtanliegen geblieben ist. Es ist auch immer noch so, dass die Frauen nicht mit dem expliziten Wunsch nach einer Beichte zu mir kommen, sondern ihr Seelsorgeersuchen eher diffus äußern. Wenn ich dann aber das Angebot der Beichte beschreibe, dann trifft das in der Regel das Anliegen der Betroffenen. Ja, genau darum geht es, eine Schuld loszuwerden, sie auszusprechen und den Zuspruch Gottes zu erfahren.

Dabei ist durchaus festzuhalten, dass die Abtreibung von den Frauen, die sich an mich wandten, bis auf Ausnahmen auch im Rückblick als unvermeidbar angesehen wird. Sie haben in einer Zwangslage so gehandelt und sehen auch jetzt nicht wie sie anders hätten handeln können. Und doch bleibt das Bewusstsein, damit Schuld auf sich geladen zu haben, die niemand anderes als Gott abnehmen kann. All die Tröstungen durch den Partner, die Freundinnen, die Familie haben eben nicht ausgereicht, um wieder befreit leben zu können. Es bedurfte des in Gott gegründeten ABSOLVO TE, das den Psychologen Ernest so neidisch werden läßt. Wenn ich jetzt zurückdenke an die Abtreibung, dann denke ich nicht mehr an die furchtbare Situation in der Klinik zurück, sondern an die Kapelle und an die Kerze, die wir angezündet haben, nachdem Gott mir meine Schuld vergeben hat, so fasst eine Frau ihre Erinnerung an die Beichte einmal zusammen.

Gelegentlich kommt es vor, dass jemand um eine Lebensbeichte bei mir nachsucht. Da tritt das Seelsorgegespräch dann ganz in den Hintergrund. Dazu begeben wir uns in den geschützten Raum, in die Kapelle oder das Amtszimmer. Ich arrangiere die Stühle so, dass wir uns versetzt gegenüber sitzen. So können wir aneinander vorbeischauen, den Augenkontakt vermeiden ohne unhöflich oder desinteressiert zu erscheinen.

Immer wieder einmal muss ich an meinen Abt denken, der mir eingeschärft hat, dass er in seiner Rolle als Beichtiger soweit zurücktritt, dass er einem Beichtenden, der bei einem späteren Zusammentreffen eine völlig andere Version seiner Geschichte erzählt, nicht auf Widersprüche aufmerksam machen würde. In der Beichte sind wir nur Ohrenzeugen, wir dürfen und wir sollen das Gebeichtete Gott überlassen und müssen es nicht bei uns aufbewahren.

Es beeindruckt mich immer wieder, wenn sich katholische Freunde an die Beichterfahrungen ihrer Kindheit erinnern, wie begeistert sie dieses Gefühl tiefer Reinigung beschreiben. Möglicherweise ist dies tatsächlich ein Empfinden, das auf die Kindheit begrenzt bleibt. Aber nach einer Lichtmeditation, die ich im Anschluss an die Beichte beim Entzünden einer Kerze anbiete, bekomme ich ganz ähnliche Empfindungen geschildert. Manche spüren bei diesem kleinen Ritual wie sich die Dunkelheit einer Schuldverstrickung auflöst im erhellenden Glanz der wiedergewonnenen Gottesnähe. Meist gebe ich ein Bibelwort oder einen Liedvers mit auf den Weg.

Obwohl ich mich seit langem mit der Beichte beschäftige und auch bekannt ist, dass ich die Beichte in meiner Kirche anbiete, bleibt sie doch eine Ausnahme in meiner Arbeit als Seelsorger. In besonderen Seelsorgesituationen allerdings stößt die Beichte durchaus auf Interesse. Auf Kirchentagen, in der Urlauberseelsorge oder in Citykirchen wird häufiger gebeichtet als in der Ortsgemeinde. Darin jedoch eine Renaissance der Beichte zu sehen, halte ich für eine Fehleinschätzung. Feste Beichtangebote liefen im evangelischen Bereich zumeist ins Leere. Im Regelfall suchen die Menschen das Gespräch, nicht die Beichte. Sinnvoll aber ist es, sensibel zu sein für die leisen Signale von hilfesuchenden Menschen, die auf die Bitte um Sündenvergebung hindeuten, um gegebenenfalls mit dem Angebot der Beichte auch handlungsfähig zu sein.